Die ersten 30 Minuten entscheiden
Bei einer größeren Lage sind Bilder oft schneller online als die erste Rückmeldung an die Leitstelle. Anwohner filmen aus dem Fenster, Vorbeifahrende halten an, in Ortsgruppen kursieren binnen Minuten Vermutungen über Ursache, Verletzte und Verantwortliche.
Für die Einsatzleitung entsteht daraus ein doppelter Druck: Sie muss die Lage abarbeiten und gleichzeitig damit umgehen, dass parallel eine zweite Erzählung entsteht, auf die sie keinen Einfluss hat. Wer in dieser Phase nichts sagt, verhindert keine Falschinformation – er überlässt anderen das Feld.
Das Ziel ist dabei nicht, schneller zu sein als soziale Netzwerke. Das gelingt ohnehin nicht. Das Ziel ist, früh genug eine verlässliche Quelle zu sein, an der sich Presse, Bevölkerung und Angehörige orientieren können.
Rollen klären, bevor der Melder geht
Die häufigste Ursache für schlechte Krisenkommunikation ist nicht fehlendes Können, sondern fehlende Zuständigkeit. Im Ernstfall ist keine Zeit, zu klären, wer sprechen darf.
Drei Rollen sollten deshalb vorab benannt und für alle bekannt sein:
Wer spricht. Eine Person gegenüber Presse und Öffentlichkeit, mit benannter Vertretung. Nicht zwingend die Einsatzleitung – die ist meist gebunden.
Wer freigibt. Wer entscheidet, ob eine Information hinausgeht. Bei sensiblen Lagen gehört diese Entscheidung zur Führung, nicht zur Öffentlichkeitsarbeit.
Wer die Kanäle bedient. Wer Beiträge veröffentlicht, Kommentare beobachtet und meldet, wenn sich die Stimmung dreht. Diese Person muss nicht an der Einsatzstelle sein – im Gegenteil, aus der Distanz gelingt es oft besser.
Wichtig ist, dass diese Rollen auch nachts um drei besetzt sind. Eine Regelung, die nur zu Bürozeiten funktioniert, ist im Ernstfall keine Regelung.
Was Ihr sagen könnt, bevor alles feststeht
Die Sorge, etwas Falsches zu sagen, führt oft dazu, gar nichts zu sagen. Dabei lässt sich fast immer etwas mitteilen, ohne der Ermittlung vorzugreifen:
- dass Ihr im Einsatz seid und mit welchen Kräften
- welcher Bereich betroffen ist und was das für Anwohner bedeutet
- ob eine Gefahr für die Bevölkerung besteht
- wann mit der nächsten Information zu rechnen ist
Der letzte Punkt wird am häufigsten vergessen und wirkt am stärksten. Wer ankündigt, sich in einer Stunde wieder zu melden, nimmt Druck aus der Situation – und aus den Kommentarspalten.
Nicht mitgeteilt werden Ursachen, Schuldzuweisungen, Angaben zu Personen und alles, was der Polizei obliegt. Diese Abgrenzung sollte im Kopf sitzen, bevor sie gebraucht wird.
Gerüchte werden durch Schweigen nicht kleiner
In jeder größeren Lage entstehen Vermutungen: über die Ursache, über angebliche Versäumnisse, über Betroffene. Sie verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert.
Bewährt hat sich, nicht das Gerücht zu wiederholen, sondern die gesicherte Information dagegenzusetzen. Statt „Es stimmt nicht, dass …“ besser: „Nach derzeitigem Stand …“. Wer ein Gerücht zitiert, verbreitet es weiter – auch in der Richtigstellung.
Ebenso hilfreich ist es, den eigenen Kanal als Referenz zu etablieren, bevor etwas passiert. Eine Wehr, deren Seite im Alltag verlässlich informiert, wird im Ernstfall gesucht. Eine, die nur alle paar Monate etwas veröffentlicht, findet niemand.
Der schwierige Fall: wenn es Betroffene gibt
Bei Einsätzen mit Verletzten oder Todesopfern verschiebt sich alles. Hier gilt ein einfacher Grundsatz: Angehörige erfahren nichts aus dem Netz.
Praktisch heißt das: keine Angaben zu Zahl, Alter, Geschlecht oder Zustand von Betroffenen, solange die Benachrichtigung nicht abgeschlossen ist. Keine Bilder, auf denen Fahrzeuge, Kennzeichen oder Wohnhäuser erkennbar sind. Und keine Beiträge, die den Einsatz in irgendeiner Form als Leistungsnachweis darstellen.
Betrifft die Lage die eigenen Reihen, kommt eine zweite Ebene hinzu: die Kommunikation nach innen. Die Mannschaft sollte nicht über Facebook erfahren, was passiert ist. Auch dieser Weg gehört vorher festgelegt.
Nach der Lage ist vor der Lage
Zur Nachbereitung gehört mehr als das Abschlussfoto. Sinnvoll ist eine kurze, ehrliche Durchsicht: Wann ging die erste Meldung hinaus? Wurde die angekündigte Folgeinformation eingehalten? Wo kamen Rückfragen, die vorhersehbar gewesen wären?
Aus diesen Antworten entsteht mit der Zeit ein Vorgehen, das trägt – und das nicht an einzelnen Personen hängt. Genau das unterscheidet vorbereitete Organisationen von improvisierenden.
Zusammenspiel mit Polizei, Kommune und Leitstelle
Bei größeren Lagen kommuniziert Ihr nie allein. Polizei, Kommune, Rettungsdienst und mitunter das Landratsamt geben eigene Meldungen heraus – und wenn sich diese widersprechen, entsteht genau die Verunsicherung, die vermieden werden sollte.
Klärt deshalb frühzeitig, wer welchen Teil übernimmt. In der Regel gilt: Zur Ursache und zu Personen äußert sich die Polizei, zur Einsatzabwicklung die Feuerwehr, zu Folgen für die Bevölkerung die Kommune. Diese Aufteilung sollte nicht an der Einsatzstelle ausgehandelt werden, sondern vorher bekannt sein.
Ein kurzer Abgleich vor der ersten Meldung – ein Anruf genügt oft – verhindert die meisten Widersprüche. Bei länger laufenden Lagen hat es sich bewährt, einen gemeinsamen Stand zu vereinbaren und diesen aktuell zu halten, statt drei parallele Erzählungen zu pflegen.
Was vorbereitet in der Schublade liegen sollte
Vieles lässt sich vorformulieren, solange Ruhe herrscht. Wer im Ernstfall auf Vorbereitetes zurückgreifen kann, gewinnt genau die Minuten, die sonst fehlen:
- eine Kontaktliste mit Zuständigkeiten und Erreichbarkeiten – auch nachts
- zwei bis drei Textbausteine für die erste Meldung, in die nur Ort, Zeit und Kräfte eingesetzt werden
- eine abgestimmte Sprachregelung für Lagen mit Betroffenen
- die Zugangsdaten zu allen Kanälen, hinterlegt an einer Stelle, auf die mehr als eine Person zugreifen kann
- eine kurze Übersicht, welche Stelle wofür zuständig ist
Der letzte Punkt der Liste klingt banal und ist im Ernstfall der häufigste Stolperstein: Wenn nur eine Person die Zugänge kennt und diese im Einsatz gebunden ist, steht die Kommunikation still.
Wie das in der Praxis aussieht
Beim Kreisfeuerwehrverband Hochtaunus ist über Jahre ein System der einsatzbezogenen Krisenkommunikation entstanden, das sich binnen Minuten aktivieren lässt. Die Jury des Hessischen Feuerwehrpreises hob hervor, dass es gelingt, damit Einsatzkräfte zu entlasten, Falschinformationen früh einzudämmen und die Bevölkerung verlässlich zu informieren.
Zwei unserer Mitarbeitenden gehören zu diesem Medienteam. Ausgezeichnet wurde es 2025 mit dem Hessischen Feuerwehrpreis in der Kategorie Krisenkommunikation – für uns Bestätigung, dass sich vorbereitete Kommunikation im Ernstfall auszahlt.
Was dabei gelernt wurde, geben wir in unseren Seminaren zur Öffentlichkeitsarbeit für Feuerwehr und BOS weiter – nicht als Theorie, sondern anhand echter Lagen. Wer die Grundlagen im Alltag festigen will, findet den Einstieg in unserem Beitrag zu Chancen und Risiken von Social Media für Einsatzkräfte.
Fazit
Krisenkommunikation lässt sich nicht im Einsatz erfinden. Was im Ernstfall funktioniert, ist vorher entschieden worden: wer spricht, wer freigibt, was gesagt werden darf und wann die nächste Information kommt. Diese vier Punkte kosten im Ruhezustand eine Stunde – und entscheiden im Ernstfall darüber, ob Ihr die Lage kommuniziert oder die Lage Euch.
Vorbereitet statt improvisiert
In unseren Seminaren zur Krisenkommunikation arbeiten wir mit echten Einsatzlagen – und Ihr geht mit Rollen, Freigabewegen und Textbausteinen nach Hause.
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